Und nun ist sie gestorben, meine Schulkollegin.

13.05.2026


Gestern habe ich über meine Jahrgänger eine traurige Meldung bekommen. Eine Mitschülerin aus meiner Primarklasse im Ebenholz, Angelika Monney-Wohlwend hat uns für immer verlassen. Und erst jetzt, als ich ihren Familiennamen Monney-Wohlwend lese, nehme ich wahr, wie wenig ich über ihr späteres Leben und auch ihr Sterben weiss. Ja, ich verstehe schon, das geht "einem" ja auch nichts an. Das ist Privatsache. Und doch haben wir uns gegenseitig, wie alle unserer Klassenkamerad/innen, auf einem Stück des frühen Lebensweges begleitet. Auch Angelika und ich über Jahre beim anderen ein paar Spuren hinterlassen. Und eine dieser Spur fällt mir ganz spontan ein, eben deshalb, weil mich diese kurzen Fragmente ein Leben lang nicht mehr losgelassen haben. Es war irgendwann in der zweiten, vielleicht auch der dritten Klasse, an einem verregneten Sommertag. Die Schule war grad aus, irgendwann gegen sechzehn Uhr, und es schüttete in Strömen. Gott sei Dank hatte ich zum Geburtstag einen Schirm geschenkt bekommen. Du meine Güte, einer nur für mich. Das hatte nicht jeder, damals, einen eigenen Schirm. Gut, meiner war zu Hause geblieben. Ich musste also die Hände unter die Beine nehmen. Bei der evangelischen Kirche, glaub ich, waren sie am bauen, da gabs noch die alten Diesel-Lastwagen. Das waren diese grossen, die diese komischen Dinger links und rechts an der Motorhaube hatten. Zwei, drei von denen, die jedesmal, wenn der Motor gestartet wurde, eine brandschwarze Wolke Richtung Himmel aufgestiegen ist. Gestunken haben sie auch, obwohl andere meinten, das rieche irgendwie gar nicht so schlecht. Aber das war Geschmacksache, so wie das Gülla-Füara, das sagten die alten Leute damals noch. Jedenfalls bin ich deshalb beim St. Josefskirchle rechts abgebogen. Der Regen hatte mittlerweile gut gearbeitet, ich war mittelmässig nass. Etwas vor mir lief ein Mädchen, schwierig, genau zu erkennen, der grosse Schirm nahm ihre halbe Körpergrösse ein. Dabei war es ein durchsichtiger. Also, der Schirm, der war durchsichtig. Aber einer mit Blumen drauf. Wunderschöne, farbige, grosse Blumen. Der hätte mir auch gefallen. Meiner war schwarz. Ganz schwarz. Wie der vom Opa. Nicht so ein schöner, wie das Mädchen, das ich immer mehr einholte, bei sich hatte. Plötzlich drehte sich meine Schulkameradin, soviel wusst ich grad, um und blieb stehen. "Du wirst ja ganz nass". Sag ich, etwas verlegen, sowas wie, "...das bin ich schon" ,sagt sie nichts, winkt mich zu ihr und zeigt auf ihren Regenschirm. Ich war es nicht gewohnt, eingeladen zu werden. Und dann noch von einem Mädchen, unter den Schirm. Aber nett war sie schon, die Angelika. Und so trotteten wir gemeinsam die St. Josefgasse runter und dann wieder rechts über die Neugasse Richtung damalige Schreinerei Jäger. Ich weiss nicht mehr, was wir gesprochen haben. Man war damals noch etwas zurückhaltender im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Klar, wir waren Primarschüler. Es gab Mädchen, das waren die mit den Röcken. Und die Buben. Das waren die, die Mittags von ihrer Mutter gefragt worden sind, ob sie die Hände gewaschen hätten. Und deren Antwort die immer gleiche war; "...hab ich schon mit Seife geschrubbt, noch vor der Schule". Ja, und das wars dann. Ende der Geschichte. Und so wars schon peinlich, dass sich ein Bub zu einem Mädchen unter den Regenschirm flüchten musste. Aber gut, es regnete noch immer. Und wie. Wir haben uns unterwegs kaum unterhalten, das weiss ich noch; aber Angelika hat mich immer wieder angelächelt. Das war mir nicht peinlich. Es war irgendwie schön. Es hatte so etwas warmes, irgendwie berührendes. Es hat mich stark beeindruckt, dieser kurze Weg mit meiner Schulkollegin Angelika. Ja, ich weiss schon. Das ist nichts weltbewegendes. Es war auch nicht etwas, mit dem man hätte angeben können. Ungewohnt, das schon. Ja, ich kann es nicht anders sagen. Es war irgendwie schön. Dieses kurze Fragment aus meiner Kindheit ist mir bis heute geblieben. Es ist immer wieder einfach da. Nein. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Mir kommt eine Strophe aus einem Lied von Reinhard Mey in den Sinn; ..."so töricht wie die Zeiger der Uhren, anzuhalten und zurückzudrehn - so töricht ist es auch auf den Spuren, lang vergangner Tage zu gehn ...". Vielleicht stimmt es. Und doch sind es auf eine seltsame Art und Weise genau diese kleinen, vermeintlich unwichtigen Spuren, die uns ein Leben lang begeiten. Angelika und ich sind abseits der Schule einen kleinen Weg, nur ein paar Schritte, gemeinsam gegangen. Und so gehe ich diese Schritte auch immer noch nicht alleine. Angelika wird mich auf diesem winzigen Stück Schulweg begleiten. Bis auch ich sie eines Tages nicht mehr in meiner Erinnerung werde gehen können. Aber die Gedanken an Angelika, das Mädchen, das damals noch Wohlwend hiess, dieses kleine Mädchen mit den schönen Blumen auf dem Regenschirm. Meine Klassenkameradin. Sie wird dieses ganz kleine Stück Lebensgeschichte so lange ich auf dieser Erde bin, mit mir teilen. Nein, nicht peinlich, damals. Nicht ungewohnt, vor  so vielen Jahren. Nein. Einfach schön. 

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